Mittwoch, 18. November 2009

Laub und Brutalismus

In Amerika ist es ja schon immer hoechst beliebt gewesen, sich stilistisch bei alten europaeischen Repraesentationsbauten zu bedienen. Deshalb moechte ich diesen Eintrag gleich mal mit folgender Pseudoburg (davon gibt es hier Einige) beginnen.


Mein Alltag in Detroit spielt sich zur Zeit zwischen Arbeiten, durch Bars ziehen, regelmaessigem Reifen flicken (die Fusswege und Strassenraender sind mit Glasscherben uebersaeht, wie aetzend) und Laub zusammenkratzen ab. Letzteres war am vergangenen Wochenende eine ganz schoene Tortur, entschaedigt wird man dafuer mit 8000qm klinisch reinem Rasen. Wenn ich mal reich bin, schenk ich meinem Gastgeber 'nen Maehtraktor, soviel ist sicher! Soviel zu meinen Abenteuern in Detroit, nun aber zu Architektur und Stadtentwicklung.

Detroit ist ja bekannt fuer seine interessante und gleichzeitig fatale Entwicklung. Dem massiven Boom der Autoindustrie mit ausuferndem Wachstum folgte ein schleichender Niedergang, der das Gesicht der Stadt ordentlich zerfurcht hat. Die schiere Groesse dieser Stadt wurde von der Detroiter Free Press mal in folgender Grafik dargestellt. Trotz der 3 Grosstaedte bleibt immernoch genuegend Platz, um meine geliebte Geburtsstadt Freiberg reinzuquetschen. Die Grafik zeigt aber nur die Stadtgrenzen, die Metropolregion mit all den schnieken weissen Vororten ist noch dreimal groesser. Inzwischen wohnen wohl weniger als die angegebenen 900.000 Menschen hier. Die Zahl schwankt je nach Quelle zwischen 770.000 und 930.000. Ist schon ein klitzekleiner Unterschied und sagt Einiges aus ueber das hiesige Datenchaos! Naechstes Jahr wird die nationale Volkszaehlung (in den USA aller 10 Jahre) hoffentlich fuer Klarheit sorgen.


Was passiert, wenn alle Leute einfach ueber die Stadtgrenzen abhauen, keiner nachzieht und die Haeuser fleissig angezuendet werden, kann man in diesem Bildervergleich des tuechtig gebeutelten St.-Cyril-Viertels aus dem Forum von DetroitYES sehen.




Dieses Foto aus dem Blog eines Herrn Kaid Benfield zeigt die luftige Stadtstruktur nochmal von Nahem.


Da die Stadtplanung in Detroit eher etwas muede ist und man eigentlich nicht so recht weiss, wo man eigentlich anfangen soll, hat das American Institute of Architects letztes Jahr diesen Plan fuer die gezielte Schrumpfung der Stadt in einzelne 'urbane Kerne' und viele schoene Gruenflaechen entwickelt. Wie und ob das umgesetzt werden kann, ist allerdings aeusserst fraglich. Es waere aber echt cool, wenn sich ausgerechnet die Stadt mit dem miesesten Frischwarenangebot dank der urbanen Landwirtschaft irgendwann selbst versorgen koennte.


Es ist ja gluecklicherweise noch laengst nicht alles Schoene verschwunden hier. Gerade aus den Jahren des Aufstiegs der Stadt in den 1910-20er Jahren gibt es tolle architektonische Beispiele, die geradezu verschwenderisch die Schoenheit der Zeit vor der grossen Depression praesentieren.
Besonders stechen die Wolkenkratzer im Art-Deco-Stil heraus. Dazu gehoeren zum Beispiel das Guardian Building, welches eines der groessten Ziegelbauwerke der Welt ist und vor allem durch seine kunstvolle Ausstattung mit oertlicher Keramik fuer Aufsehen sorgt. Das Hochhaus traegt deshalb auch den Spitznamen "Cathedral of Finance".


Das folgende Bild zeigt das Fisher Building, welches vom Verkaufserloes der Fisher-Karosseriewerke an General Motors finanziert wurde. Es beinhaltet sogar ein grosses Theater, in dem einst eine Stummfilmorgel stand. Diese Orgel steht jetzt in einem anderen Theater, welches leider demnaechst geschlossen wird. Letzten Sonntag wurde ich dort zu einem der letzten Konzerte eingeladen, was echt mal interessant war.


Von dem Reichtum der Fisher-Brueder sind heute noch die hollywoodartigen Villen und die Karosseriefabrik "Fisher Body 21" erhalten. Letztere gilt als eines der Denkmaeler fuer den Aufstieg der Stadt durch die Massenproduktion des Automobils. Natuerlich steht sie, wie so Vieles, leer und siecht an einer innerstaedtischen Autobahnkreuzung als verrottendes Mahnmal so vor sich hin.
Noch zu erwaehnen ist, dass das Fisher Building eines der vielen lokalen Werke des Architekten Albert Kahn ist. Wann auch immer man vor einem schoenen Gebauede in Detroit steht, sollte man einfach sagen, dass es von Albert Kahn ist, dann liegt man zu 90% richtig. Der in Deutschland geborene "Architekt von Detroit" hat jedoch nicht nur verschnoerkelte Hochhaeuser erschaffen, sondern war mit seinen lichtdurchfluteten Autofabriken auch ein Vordenker der Bauhausidee. Nicht wenige seiner einstigen Meisterleistungen, wie die Fabrik fuer das erste Fliessbandauto (Fords Modell T), stehen heute leer oder werden nur als Lagerhallen genutzt.

Am Book Tower in Downtown Detroit kann man deutlich sehen, dass man sich in Amerika lange damit schwertat, trotz der neuen Techniken und Materialien am Anfang des 20. Jahrhunderts vom historistischen Prunk abzukommen. So versuchte man hier den italienischen Renaissancestil auf ein ueberdimensionales Buerohausformat zu uebertragen. Ausgerechnet diese Tatsache macht den Komplex in Downtown, der hoffentlich demnaechst wiederbelebt wird, allerdings so bizarr und interessant.


Neben den schoenen alten Wolkenkratzern findet man in Downtown auch eine graue Wueste aus 70er-Jahre-Monstern und vor allem Heerscharen eintoeniger Parkhaeuser. An der Stelle des gesprengten Hudsons-Kaufhauses, dem einst zweitgroessten Kaufhaus der Welt, befindet sich jetzt eine traurige leere Betondecke mit Tiefgarage. Interessant dabei ist, dass der Hudsons-Gruender damals vor der Stadt die erste ueberregionale Shopping-Mall der Welt erbaut hatte und somit nicht nur seinem eigenen Kaufhaus, sondern ganzen Innenstaedten ueber kurz oder lang den Garaus gemacht hat.
Und noch etwas Unerfreuliches: Leider hat auch die Architekturbewegung des "Brutalismus" vor Detroit nicht Halt gemacht. Vielmehr sind einige Justizgebauede geradezu Musterbeispiele dieser Anbetungsform des puren Betons. Ich wage mir nicht mal, ein Bild davon hier einzustellen.

Fortsetzung folgt...

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